Geduldsspiel Meerüberquerung

Posted by on 28. April 2013

„Today, no. No ferry. Maybe tomorrow“. Drei Tage in Folge hören wir diese frustrierenden Worte die uns bereits am Morgen den Tag verderben. Man ist den Leuten des Fährbetriebes mehr als ausgeliefert. Zuerst glauben wir, dass es die sprachlichen Barrieren sind, welche einer schlüssigen Erklärung für einen logischen Fahrplan im Wege stehen, später jedoch als wir mit einer gut englischsprechenden „Glittering Lady“ (so wird die Ticketverkaufsdame in einschlägigen Blogs treffend beschrieben) in Kontakt waren, kommen wir zum einfachen Schluss, dass hier niemand einen wirklichen Plan hat. So nervtötend es auch ist, wir müssen jeden Tag zum Hafen laufen und fragen ob heute eine Fähre fährt.

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Das ominöse Ticketoffice

Enttäuscht gehen wir danach wieder in unser schmuddeliges Hotel zurück, welches sich übrigens eindeutig als Stundenhotel erkenntlich gemacht hat. Den erstaunten Augen des Receptionisten zu entnehmen, als wir wieder und wieder um einen Tag verlängern, hatten sie wohl noch nie Gäste welche so lange geblieben sind. Den Rest des Tages langweilen wir uns, Baku hat in touristischer Hinsicht nicht wirklich viel zu bieten. Am vierten Tag wie könnte es anders sein, wieder: „No, Aktau no“. Um zu verdeutlichen dass es heute nichts wird kreuzt die ältere Dame energisch ihre Arme. Als wir schon wieder an der Türschwelle sind fragt sie plötzlich: „Moto?“. Als wir bejahen meint sie dann doch, dass wir um 14:00 nochmals vorbeischauen sollen. Mal was ganz Neues, ein kleiner Hoffnungsschimmer wenigstens. Draussen treffen wir ein älteres, englisches Ehepaar welches vor demselben Problem steht wie wir. Gemeinsam fluchen wir über die katastrophale Organisation und tauschen unsere Handynummern, gehen dann aber getrennte Wege. Als wir um 14:00 wieder am Hafen sind drückt uns ein Herr im Büro ein Handy in die Hand. Am anderen Ende ist wieder die junge, gut englischsprechende Dame. Das einzige was wir mitbekommen ist: „Quick, quick come to the new port“. Aufgeregt hasten wir zum Hotel zurück und packen unsere Sachen im Eiltempo zusammen. Dummerweise haben wir unsere Motorräder bereits am alten Hafen beim Zoll ausgeführt und deponiert, da man bei der Einreise nach Aserbaidschan für Fahrzeuge nur eine Aufenthaltsbewilligung für 72 Stunden erhält. Wir versuchen den Zöllnern diesen Sachverhalt zu erklären und nach einer kurzen Nachfrage bei einem uninteressierten Vorgesetzten lässt uns dieser das Gelände wieder verlassen. Legal, illegal fahren wir also die 8 Kilometer zum neuen Hafen und tatsächlich da steht eine Fähre. Wahnsinn!

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Die Fähre “Amirov” bereit zur Abfahrt

Tickets sind bald erstanden und Immigration sowie Customs passieren wir ohne Probleme und so Rollen wir schon bald über die Zufahrtsrampe auf die Fähre. Von den beiden englischen Velofahrern haben wir inzwischen gehört, dass am alten Hafen wohl noch ein zweites Schiff eingelaufen ist, welches auch heute abfährt. Zwei Schiffe an einem Tag aber keiner kann uns dies mehr als drei Stunden vor Abfahrt sagen…

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Beeindruckende Lichtshow an den Hochhäusern in Baku

Auf der Fähre geschieht tatsächlich was wir schon mehrfach in anderen Blogs gelesen haben. Die Seeleute versuchen uns für alles Geld abzuknüpfen. Angefangen beim Festbinden der Motorräder, übers Bereitstellen einer Kabine und Bettzeug bis hin zum Aufschliessen der Toilette. Darüber ob letztere dem Namen Toilette überhaupt würdig ist lässt sich streiten. Als ich sie sehe denke jedenfalls nur: „Bitte kein Dünnschiss jetzt“. Glücklicherweise ist das Chicken zum Nachtessen derart trocken, dass Durchfall technisch gar nicht möglich ist. Aber wir können uns glücklich schätzen, dass überhaupt Essen serviert wird, denn dies ist wohl nicht auf allen Fähren der Fall. Zusammen mit ca. 15 stämmigen Truckern geniessen Klein-Raphael und Klein-Daniel den Rest des Abends im Speiseraum, gehen dann aber früh schlafen.

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Zum Glück stinken Bilder nicht…

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Bordverpflegung

Am nächsten Tag werden wir von einem jungen Matrosen durch den Maschinenraum und den Technikraum geführt. Alles auf dem Schiff ist ziemlich marode und an Deck sind mehrere Leute konstant damit beschäftigt den unaufhaltsam nagenden Rost mit reichlich weisser Farbe zu überdecken. Mehrheitlich werden die Roststücken wohl nur noch von Farbe zusammengehalten.

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Die Fähre hat schon bessere Zeiten gesehen

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3000 PS im Rücken

Die Fähre kommt überraschend gut mit konstant 21 km/h voran und so steuern wir bereits 20 Stunden nach Abfahrt den Hafen von Aktau an. Das Schiff legt zu unserer Überraschung ohne Wartepause (üblich sind 1-4 Ankertage vor dem Hafen) im Hafen an. Langsam macht sich bei uns Hunger und Durst breit. Unsere Gedanken sind bereits bei einem leckeren Nachtessen und einem bequemen Bett als wir beim Zoll anstehen.

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Kasachstan wir kommen!!

Die Wartezeit am Zoll zieht sich aber mehr und mehr in die Länge, weshalb kann uns niemand schlüssig erklären. Russisch müsste man können. Irgendwann einmal dürfen wir zur Fähre zurück und mit den Motorrädern auf Kasachischen Boden rollen. Zuvor wird unser Gepäck aber noch von einem Soldaten kontrolliert. Sein Interesse gilt weniger möglichen Drogen oder sonstigem Schmuggelgut sondern mehr meinen Musikkopfhörern. Er deutet unmissverständlich an dass er diese haben möchte. Als ich verneine muss ich zur Strafe auch noch die Seitentaschen öffnen. Irgendwann hat er aber genug und lässt uns fahren. Beim Ausgangstor werden wir angehalten und sollen parkieren und noch ca. eine Stunde warten, bis alle LKW’s der Fähre ausgeladen sind. Weitere Stunden gehen ins Land ohne dass sich was tut. Inzwischen ist es Mitternacht und eisig kalt. Den geplanten Burger zum Nachtessen der bei mir schon erhöhten Speichelfluss angeregt hat können wir wohl vergessen. Irgendwann erscheint bei uns der Mittelsmann der türkischen LKW Fahrer und erklärt uns auf russisch: „сегодня нет, завтра“, heute nein, morgen. Verdutzt schauen wir ihn an und können es kaum glauben. Wir dürfen zwar das Hafengelände verlassen, nicht aber unsere Motorräder. Ein herbeigerufener Kollege fährt uns zu einem äusserst schäbigen Hotel. Das Klo spielt punkto Sauberkeit in derselben Liga wie dasjenige auf dem Schiff ausser dass hier auch noch die Spülung defekt ist. Die Parole lautet also weiterhin: Verklemmen!

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Notunterkunft

Am nächsten Tag holt uns unser Fahrer wieder ab und bringt uns wieder an den Hafen. Wieder warten wir mehr als eine Stunde bis wir aufgeklärt werden. Der zuständige Polizist für die Fahrzeugkontrolle ist im Urlaub und kommt voraussichtlich erst morgen wieder. Uns fehlt also weiterhin irgendein Stempel und so verlassen wir den Hafen ein zweites Mal ohne Motorrad. Diesmal geben wir dem Fahrer allerdings die Richtung zu einem besseren Hotel an, denn der Stuhldrang ist inzwischen doch erheblich…

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